Spiegel-Bericht 1997


Stimme des Pöbels 
Mit einem wilden Programm stellt sich eine Punker-Partei in Hamburg zur Wahl und hofft auf 20 000 Dosen Bier aus der Wahlkampfkostenerstattung. An der Frage, was Arbeit ist, scheiden sich die Geister: Für die SPD ist Arbeit, so heißt es im Grundsatzprogramm, die „entscheidende Dimension menschlichen Daseins". Für einen Physiker ist Arbeit einfach nur Kraft mal Weg. Im Vorfeld der Hamburger Bürgerschafts-wahlen am 21. September haben nun leid-geprüfte Menschen aus ihrer Lebenserfah-rung geschöpft und die Debatte um eine weitere Definition bereichert: „Arbeit ist Scheiße." Mit dieser Parole wirbt derzeit in der Hansestadt eine Partei, die vorvergangene Woche offiziell zu den Wahlen zugelassen wurde und die gleichermaßen amüsieren und provozieren will: die Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands (APPD). Das ist ein bunter Haufen mit nach eigenen Angaben bundesweit rund 500 Mitgliedern, die sich zumeist aus der Punkerszene rekrutieren. 

Als Konsequenz ihrer Analyse über das Wesen der Arbeit verlangt die APPD das Recht auf Arbeitslosigkeit bei vollem Lohnausgleich. Und im selbstgedrehten Wahlwerbespot, der diese Woche im NDR ausgestrahlt wird, fordert der stellvertretende Parteichef Roy Horak: „Jugendliche brau-chen Rente, keine Arbeitsplätze!" Horak, 29, der lieber auf den Künstlernamen „Bambino" hört, ist — ganz im Einklang mit den Zielen der Partei — von Beruf arbeitslos. Das erklärte Ziel der APPD ist die Ein-Prozent-Hürde. Damit kommt sie zwar nicht ins Parlament, aber sie erhält eine Pauschale von 1,30 Mark pro Wählerstimme zur Deckung der Wahlkampfkosten. Die sind aber kaum entstanden, und der Gewinn soll, so lautet das schönste Wahlversprechen, auf einer „dekadenten Party" versoffen werden. Rund 10. 000 Mark könnten zusammenkommen, was — klug eingekauft — 20 000 Dosen Bier ergibt. Sinn der Sauforgie: Falls der Wähler nach dem Fest noch gerade gucken kann, soll er sehen, „was aus seiner Stimme nach einer Wahl wird: Blech und Müll”. Geistiger Kopf der APPD ist Parteichef („Großadministrator") Karl Nagel, 36, ein Veteran der Punkerszene. Für ihn ist der Wahlkampf und die APPD-Forderung „Asoziale an die Macht" mehr als nur der Spaß an der Provokation. Bei der „offenen Verarsche", meint er, gebe es einen ernsten Hintergrund — den er dann aber wieder in drastische Worte kleidet: „Als Partei des Pöbels und der Sozialschmarotzer geht es 
uns darum, den Asozialen eine Stimme zu verleihen." Punker, Penner und Politik-Frustrierte sollen eine Möglichkeit erhalten, ihr Nichtwählertum „mit geeigneten Möglichkeiten auszudrücken". Pogo ist übrigens ursprünglich das aggressive und mehr oder weniger rhythmische Auf- und Niederhüpfen zur wilden Punkmusik — also eine Art Ausdruckstanz derjenigen, die feinsinnigere Ausdrücke nicht mögen. Demgemäß ist auch das Wahlprogramm, vorsichtig ausgedrückt, eigenwillig formuliert: Gefordert wird unter anderem die „ultimative Rückverdummung der Menschheit" und das Verbot aller angemeldeten Demonstrationen. Zum Sofortprogramm gehört außerdem die „Errichtung von Mitfickzentralen" sowie die Aufteilung Deutschlands in drei Zonen: eine für die Pogo-Anarchisten, dort sollen Bier und Drogen fließen. Die zweite heißt „Spießige Bürger-Zone" (SBZ) und ist solchen Menschen vorbehalten, denen ihr Beruf Spaß macht. Die dritte, „Gefangenen-Erlebnis-Park" genannt, ist für Kriminelle, die sich dort „eine abenteuerliche und ultrabrutale Gesellschaft aufbauen" sollen. Nagel, der von Jobs in der Computerbranche lebt und eigentlich Peter Altenburg heißt, verfolgt aber noch ein weiters Ziel: Die Kampagne der APPD und die Berichterstattung darüber sollen ein Meisterstück dessen werden, was er „Informationsvergiftung" nennt. Das wäre vollbracht, wenn am Ende niemand mehr weiß, ob die Anarchistische Pogo-Partei total bescheuert, amüsant oder womöglich gefährlich ist. 
Beim Spiel mit den Medien kennt er sich aus. Zu den Chaos-Tagen in Hannover 1996 fütterte Nagel die Sensationspresse über den „Cannibal Home Channel", eine Internetseite, mit deren Hilfe sich angeblich die Punker auf das Massentreffen vorbereiteten. Die Chaos-Tage wurden von der Polizei unterbunden, während irregeleitete Fernsehteams mit dramatisch wackelnder Handkamera auf jede Bierdose zustürzten, stets auf der Suche nach gewaltbereiten Punkern. Auch schon in den Vorjahren hatten angeblich authentische Flugblätter mit den wüstesten Ankündigungen immer dann die Öffentlichkeit erreicht, wenn die Berichterstattung über die Aufrüstung der Punker zu erlahmen drohte —hinterher gab es auf derselben Internetseite Hohn und Spott für die Journalisten. Jetzt sagt Nagel, er betrachte die APPD als „legalen Arm der Chaos-Tage". Anders aber als in Hannover habe jetzt in Hamburg „der Pöbel zum Sturm auf die Parlamente" geblasen. Konsequenz für die Regierenden: „Sie werden sich die Chaos-Tage noch zurückwünschen." Ob Ernst oder Spaß oder bescheuert —daß Wahlkampf eine Menge Arbeit ist, hat Nagel schon gespürt: In den letzten Wochen hat er fünf Kilo abgenommen.