Zeitungsartikel 1997


In Hamburg tritt eine der wohl seltsamsten Parteien an

Mit „Saufen, saufen, saufen" in die Bürgerschaft?

„Recht auf Reichtum" fordert eine der zur Hamburger Bürgerschaftswahl am 21. September amtlich zugelassenen Parteien, ferner die „Legalisierung der Korruption", die „freie Ausgabe von Banknoten an jeden Bürger" sowie die „Anheizung der Inflation". Außerdem tritt die „Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands" (APPD) für die „Balkanisierung Deutschlands" und für die „ultimative und totale Rückverdummung" ein, was immer das auch heißen mag. „Bei der Zulassung spielen inhaltliche Fragen keine Rolle", betont Landeswahlleiter Wolfgang Prill." es ist nicht unsere Aufgabe, Programme zu bewerten. Nur die rechtlichen Formalien müssen stimmen: 500 Unterschriften von wahlberechtigen Bürgern und der Nachweis, über eine demokratische Satzung zu verfügen. Irgendwie hat die APPD diesen Anforderungen Genüge geleistet, und so tritt die wohl seltsamste Truppe in der Wahlgeschichte Hamburgs gegen die „herkömmlichen" Parteien an. Wenn man die Telefonnummer der „Pogo-Partei" (Pogo ist eine Art Tanz zu Punk-Musik und Heavy Metal) anwählt, dröhnt einem ein Anrufbeantworter entgegen: „Saufen, saufen - jeden Tag nur saufen.".
Da paßt es denn auch, wenn Spitzenkandidat Karl Nagel (ein „Künstlername", in Wirklichkeit heißt der 36jährige Peter Altenburg) seinen Anhängern aus der alternativen Szene für den Fall, daß die APPD die magische 1,5 Prozent-Hürde überwindet - dann gibt es nämlich Wahlkampfkostenrückerstattung von 1,30 Mark pro Stimme - was eine „Riesen-Freibier-Fete" verspricht.
Ein Treffen mit Karl Nagel: Auf einem lila Fahrrad kommt er angefahren, mit einem T-Shirt, das die Aufschrift trägt: „Asoziale an die Macht". Passend zum Namen trägt der Spitzenkandidat einen 20 Zentimeter langen Zimmermannsnagel um den Hals. An die höchste Position seiner Partei sei er gelangt, „weil ich etwas aktiver bin als die anderen, was in einer Partei der Faulenzer keiner besonderen Anstrengung bedarf." Das Geld für Wahlkampf sei von Sponsoren gekommen, die er nicht nennen wolle. Letztlich gehe es ihm, erläutert Nagel, um die "Organisation des Nichtwählertums". Er hofft auf die Stimmen der Randgruppen, jener, die als „asozial" abgestempelt werden, den Punks, den Leuten aus den Problemvierteln wie Wilhelmsburg oder Steilshoop.
Bundesweit hat die APPD rund 450 Mitglieder, nachdem sie bereits zwischen 1981 und 1989 die Bürger verunsichert hatte, war sie vor drei Jahren erneut gegründet worden, angeblich im Affenhaus des Frankfurter Zoos. So ziert denn auch ein „unbekannter Affe" als „Leitbild visionärer APPD-Politik" das in altdeutscher Schrift verfaßte „Parteiprogramm". Ob die Mitglieder der APPD sich einfach nur einen Spaß machen oder die Bürger schocken wollen, bleibt offen. Das „Programm" jedenfalls liest sich wie ein Katalog aus dem Tollhaus. „Eigentlich wollen wir nur unser kurzes Leben genießen und dabei gut die Sau rauslassen", heißt es in der Präambel. Die Ziele der „Partei" sind unter anderem: „penetrante Leistungsverweigerung und dekadente Lebensweise, unaufhörlicher Drogengenuß, digitale Traumwelten und das uneingeschränkte Recht der Kriminellen, ihrem natürlichen Drang nachzugehen: Raub, Mord, Vergewaltigung und Folter". Dazu fügt sich, daß die APPD die Abschaffung aller Strafanstalten und der Polizei verlangt. Für Bankräuber zum Beispiel sollen auf öffentlichen Plätzen große Tafeln aufgestellt werden, auf die der „Delinquent 100 mal zu schreiben hat: „Ich soll nie wieder eine Bank überfallen." Der Slogan der merkwürdigen Partei lautet: „Euch die Arbeit, uns das Vergnügen." Immerhin 30 000 Mark will sie in ihren Wahlkampf stecken.